Eine Adventsgeschichte in 24 Teilen

2015 hatte eine ganz besonders spannende Adventszeit mit einem tollen Online-Adventskalender:

Claudia Heck, Texterin, Kommunikationswirtin, PR-Beraterin und eine sehr gute Freundin hat zum zweiten Mal eine 24-teilige Advents-Geschichte geschrieben. 2011 hatte sie sich bereits eine wunderschöne Geschichte für unser gemeinsames Bastelbuch „Adventskalender einmal anders: Pfiffige Ideen für Paare und gute Freunde“ (erschienen im Christophorus Verlag, ISBN 978-3838833712)ausgedacht. Weil die so gut ankam, gibt es 2015 eine weitere – yippie! Ganz besonders freut es mich, dass ich sie hier täglich für euch veröffentlichen durfte. Dafür ein ganz herzliches Dankeschön an Claudia!

Für alle die nochmal nachlesen oder die Geschichte ganz neu entdecken wollen, habe ich hier alle Teile in einem Post zusammengefasst.

Tipp von Claudia: Schreibe die Teile der Geschichte auf kleine Kärtchen, stecke sie in kleine Kuverts und bastle einen preiswerten und kalorienfreien Adventskalender daraus. Okay, ausdrucken, die Papiere aufrollen und mit einem Schleichen zubinden geht natürlich auch – wenn es ganz schnell gehen soll. Aber auf keinen Fall vergessen die Tele durchzunummerieren!

Und jetzt geht es los:

An einem frostigen Samstagvormittag im Dezember ging es los. Die Kinder standen aufgeregt am Auto und rüttelten an den Türgriffen. „Mensch Papa, beeil dich! Wir kommen zu spät!“ Gelassen betätigte Christian die Fernentriegelung und holte die Axt aus dem Gartenhaus. Von wegen zu spät kommen! Bei jedem Spaziergang im Sommer hatten sie nach dem perfekten Platz gesucht, ihn schließlich gefunden und mit einem Holzkreuz markiert. Kein Grund zur Panik also. Er startete. Zehn Minuten später waren sie am Ziel mitten im Wald. Plötzlich krachte etwas aufs Autodach …

„Hilfe! Was war das?“, schrie Jenny und klammerte sich an ihren Bruder Paul. „Du Baby!“ Paul schubste sie weg. Große Brüder werden nicht gern von kleinen Schwestern umarmt. Schon war auf der Rückbank die schönste Rauferei im Gange. Seufzend stieg ihr Vater aus. Tock! machte es neben seinem Ohr auf dem Autodach. Er sprang zur Seite. Tock-tock-tock … „Aua!“ Etwas hatte Christian am Ohr erwischt. Er hechtete zurück auf den Fahrersitz und zog die Fahrzeugtür zu. Im Rückspiegel sah er sein rotes Ohr und die fragende Augen der Kinder. „Wir werden beschossen“, sagte er.

Tock! Die Augenpaare starrten nach draußen. Tock-tock! „Das muss ein Tier sein“, sagte Christian. Er rieb sich das Ohr. Auf einmal war alles still. Christian holte einen schwarzen Gegenstand aus dem Seitenfach, zog am Öffner und schwang die Fahrertür auf. Darauf bedacht, kein Geräusch zu verursachen, stieg er aus und verharrte in geduckter Haltung. Mit einem Klicken spannte der automatische Schirm auf. Gerade rechtzeitig hob er den Schutz über den Kopf, da prasselte es auf Autodach und Regenschirm. Tock-tock-tock-tock-tock-klack-klack-klack… Verdammt!

Nach dem Angriff war es still. Vorsichtig lugte Christian unter dem Schirmdach hervor. Die Kinder pressten ihre Nasen an die Scheiben. Niemand zu sehen. Sie waren am richtigen Ort, definitiv. Direkt vor ihm stand die herrliche Blaufichte. An einem Zweig baumelte ein Stück von dem Geschenkband, mit dem Jenny und Paul den perfekten Christbaum markiert hatten. Christian beugte sich vor. Der rote Stoff sah aus wie angenagt. Und da lag ja auch das selbstgebastelte und bemalte Holzkreuz mit der Inschrift „Un_er B_ _m“. Irgendwer musste es zerstört haben. Bloß wer? Und warum?

Aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr. Um kein Geräusch zu machen, drehte er sich nur mit dem Oberkörper zur Seite. Da! War da nicht etwas rotbraunes Buschiges? Schwupp, da wieselte schon wieder ein Schatten durch die Luft. Na klar, ein Eichhörnchen! Wie dumm von mir, dachte Christian und lies alle Vorsicht fallen. „Kinder“, rief er, „es ist nur ein dummes Eichhörnchen. Kommt raus und bringt die Axt mit.“ Er hatte den Satz noch nicht beendet, da hagelte es erneut Geschosse. Nun sah er auch, worum es sich handelte: Nüsse! Christian war baff.

„Guck mal, wie niedlich“, rief Jenny, „das Eichhörnchen wirft mit Nüssen nach Papa!“ Paul und Christian verdrehten die Augen. Die letzten Kerne kullerten vom Schirm. „Das Tier hat einen Schatten“, schimpfte Christian, „wer ist so dumm und schmeißt seinem Wintervorrat durch die Gegend?“ Sofort brach Jenny in Tränen aus. „Oh mein Gott! Das arme Eichhörnchen! Wir haben es aus dem Winterschlaf geweckt. Jetzt wird es verhungern! Papa! Du bist so gemein!“ Na prima! Im Sommer war hier kein Kamikaze-Eichhörnchen gewesen, das wusste Christian genau. Und jetzt?

Mit Jenny im Arm und einem ratlosen Paul an der Seite, stand Christian vor der Blaufichte. Dieser Wuchs, diese Krone – was für ein Prachtexemplar! Ein dichtes Nadelkleid schmückte die Zweige, nirgends ein Loch, kerzengrade der Stamm. Genau richtig für die Galerie. Er seufzte und fühlte sich plötzlich beobachtet. Zwei schwarze Knopfaugen musterten ihn aus drei Metern Höhe scheinbar vorwurfsvoll. „Such dir einen anderen Baum, Eichkatzerl!“, sagte Christian. „Du bist sowieso spät dran, es ist Schnee angesagt.“ Knopfauge legte den Kopf schräg. Ob es ihn verstand?

Paul schwenkte probeweise die Axt. Es sah bedrohlich aus, auch für Christian. „Stopp, Paul“, befahl er, „du verletzt hier noch jemanden.“ Der Junge ließ die Schultern hängen. „Ich will doch nur den Christbaum schlagen. Du hast versprochen, dass ich auch mal schlagen darf.“ Unbehaglich blickte der Vater zur Fichte hinüber. Kam es ihm nur so vor, oder war der Nager nähergekommen? Kopfüber hing er am Baum und schien der Unterhaltung zu lauschen. Man konnte ihm doch nicht sein Zuhause abholzen, oder doch? Das kleine Tierchen erinnerte ihn an seine eigene Kindheit. Christian schluckte.

Christian fühlte sich in seine Kindheit zurückversetzt. Sah die Obstbaumwiesen seines Großvaters am Feldrand vor sich. Hörte das Zwitschern der Vögel, das Summen der Bienen, die Eichhörnchen in der Dämmerung, wie sie in der eigens für den Weihnachtsverkauf angepflanzten Fichtenreihe herumtobten. Sah die Leitern im Baum stehen, zur Erntezeit. Spürte die Vorfreude, wenn er Einmachgläser mit Jostabeeren oder Kriacheln aus der Vorratskammer holen durfte. Fühlte, wie seine Augen feucht wurden. Nein. Er konnte das einfach nicht. Doch was nun?

„Äh, Papa?“, zupfte es an seinem Ärmel. „Was machen wir denn jetzt?“ Christian fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Er nahm seinem Sohn die Axt aus der Hand und ging zum Kofferraum. „Wir müssen uns etwas anderes überlegen“, sagte er. „Kommt, wir fahren.“ Beim Einsteigen zankten die Kinder bereits, wer für das Aussuchen des blöden Baumes verantwortlich war. Christian lenkte den Wagen aus dem Wald hinaus und fuhr auf die Bundesstraße. Ein roter Pick-up kam ihm entgegen. Im Rückspiegel sah er ihn den Waldweg abbiegen. Das durfte doch nicht wahr sein! Christian bremste.

Da! Ein Feldweg. Christian lenkte rechts, riss das Lenkrad herum, wendete mit quietschenden Reifen und raste zurück in Richtung Waldweg. Paul hopste vor Aufregung, Jenny guckte erschrocken. „Das war doch Onkel Peter, oder? Stimmt´s, Papa?“ Natürlich stimmte das und genau das war ja das Problem. Christians Bruder Peter war ein Hallodri, wie er im Buche stand. Dem war nichts heilig: Christians erste Freundin nicht, das Studiengeld nicht und ein geregelter Lebenswandel schon dreimal nicht. Wenn der nun die Blaufichte abholzte… Das musste verhindert werden!

Oh nein! Christian machte eine Vollbremsung. Ein Ast blockierte den Waldweg. „Kinder, schnell, helft mir!“ Die drei sprangen aus dem Auto, rannten zum Geäst und zerrten daran. „Paul, die Axt! Das Teil hier hängt noch am Baum fest.“ Paul sauste zum Kofferraum und war eine Minute später zurück. Christian besann sich. Was sollte diese Hektik? Wenn sie nicht weiterkamen, konnte Peter auch nicht zurückfahren. Er atmete durch und sagte: „Jetzt darfst du den Ast vom Baum trennen, Paul.“ Mit glänzenden Augen macht sich der Junge ans Werk. Halt! Was war das für ein Geräusch?

Ein helles, aggressives Brummen tönte durch den Wald. Das war doch eine Motorsäge! Christian knirschte zwischen den Zähnen hervor: „Hau rein, Paul! Du machst das ganz toll!“ Er wollte den eifrig zuschlagenden Paul nicht enttäuschen, aber am liebsten hätte er ihm die Axt abgenommen und die Barrikade selbst abgetrennt. Wenn sie bloß rechtzeitig kämen. Der Baum! Das Eichhörnchen! Was für ein dummer Zufall! Peter konnte gar nicht wissen, dass heute Christbaumschlagen angesagt war. Oder hatte Christians Frau Sandra etwa erzählt, dass sie die schönste Blaufichte weit und breit…?

Aus Christians Hosentasche erklang Musik. Jingle Bells. Das Handy. Sandra! „Sag mal, woher weiß Peter, wo wir sind?“, rief Christian in den Hörer, um die Arbeitsgeräusche übertönen. Doch Sandra hatte keine Ahnung. Sie war beunruhigt, weil der Ausflug so lange dauerte. Inzwischen hatte Paul den Ast gekappt. Mit vereinten Kräften zerrten sie das Hindernis zur Seite. Da hörten sie erneut ein Motorgeräusch. Diesmal aber ein anderes – und es kam näher. „Kinder, schnell, aus dem Weg! Achtung!“ Mit Christian schnappte die Kinder am Ärmel und riss sie mit sich in den Graben.

Wieder raste der rote Pick-up an ihnen vorbei, dass die Steine flogen. Christian hob den Arm, doch sein Bruder reagierte nicht und bog mit quietschenden Reifen auf die Landstraße ein. Die Kinder kletterten ins Auto und Christian bretterte den Waldweg zurück zum Standort der Blaufichte. Sie kamen zu spät. Von ihrem Wunschchristbaum war nur ein eingekerbter Stumpf übrig, an dem fünf kümmerliche Zweige herabhingen. Aufschluchzend stolperten die Kinder aus dem Auto. Suchend umrundeten sie den Tatort. Weit und breit kein buschiger Schwanz, kein Nüsseregen. Alles still.

Jenny weinte immer noch, weil Onkel Peter das Eichhörnchen seines Zuhauses beraubt hatte. Paul hingegen hackte mit Tränenspuren auf den Wangen auf die restlichen fünf Zweige ein. Wenigstens diese wollten sie mit nach Hause nehmen. Christian telefonierte mit seiner Frau über ihren Fund und versprach, sich gleich auf den Heimweg zu machen. Er packte die Axt und die Zweige in den Kofferraum und wuschelte seinen Kindern durch die Haare. Was für ein Reinfall. Als sie auf den Hof einbogen, sah er hinter der Scheune Peters Pick-up parken.

Sandra wartete bereits an der Haustür. Über die Köpfe der Kinder hinweg tauschte sie mit ihrem Mann Blicke aus und nahm die Zweige in Empfang. Als die Kinder im ersten Stock verschwunden waren, erzählte Sandra vom Gespräch mit der Schwiegermutter. „Sie war ganz begeistert, dass Peter sie mit einer Blaufichte überrascht hat. Wo sie ihn sonst immer dreimal bitten muss, bis er einen Auftrag erledigt.“ „Hast du ihr die Wahrheit gesagt?“ Sandra schüttelte den Kopf. Christian seufzte. „Hätte eh nichts genützt. Morgen fahre ich zum Christbaumland und kaufe dort einen Baum.“

Als Paul und Christian am Sonntagmorgen zurückkehrten, brachten sie frische Brötchen und eine Tanne im Netz mit. „Geh du frühstücken, ich hole den Baumständer aus der Hütte“, sagte Christian. Nanu? Wieso stand denn die Gartenhaustür offen? Christian untersuchte das Schloss. Es rastete problemlos ein. Zielstrebig durchschritt er den Raum, nahm den grünen Topf vom Regal und wandte sich zur Tür. Moment mal! Wo waren denn die Walnüsse hin, die zum Trocknen auf dem Tisch lagen? Auf dem Zeitungspapier befand sich nur ein kümmerlicher Rest.

„Warum sollten wir die Nüsse reinholen? Du hast doch gesagt, die müssen trocknen.“ Pauls Stimme klang entrüstet. Schweigend saß die Familie am Frühstückstisch. Sandra las die Sonntagszeitung. Christian kaute nachdenklich an seinem Brötchen. Gedankenverloren blickte er in den Garten. Der Ersatzbaum stand eingeständert vor der Hütte. Sieht gar nicht schlecht aus, dachte er. Bis auf den großen rotbraunen Zapfen, der musste vorm Schmücken natürlich weg. Aber hatten Nordmanntannen solche Zapfen? Und jetzt bewegte sich das Ding auch noch. Krass! Er stand auf.

Christian näherte sich dem von Zweig zu Zweig hüpfenden Eichhörnchen. Als er noch einen Meter entfernt war, flog die erste Nuss. Aha! Das war also der Walnussräuber! Christian kehrte ins Haus zurück. „Tja, sieht so aus, als würde das nichts mit unserem Weihnachtsbaum. Der Neue ist nämlich auch vom Eichhörnchen besetzt.“ Alle stürzten zum Fenster. Dann ging das Gejammer los. Ohne Baum ist kein Weihnachten! Da müssen die Geschenke drunter. Kann der Baum nicht trotzdem geschmückt werden? „Ich habe eine Idee“, unterbrach Christian die Diskussion.

Das ganze Haus duftete. Sandra und Jenny standen mehlbestaubt in der Küche und buken sich durch die Plätzchenrezeptsammlung. Vanillekipferl, Heidesand, Spritzgebackenes, Nussplätzchen, Kokosmakronen … mmhhh! In der Garage hämmerten, sägten und klopften Christian und Paul schon seit den Morgenstunden. „Wir müssen nochmal zum Baumarkt“, schallte es durch den Flur. Sekunden später rollten die beiden Handwerker aus der Einfahrt. Als Sandra zufällig aus dem Fenster blickte, sah sie Peter mit den Händen in der Hosentasche vor der Ersatztanne stehen.

Als Christian die Küche betrat, saß Peter am Tisch und kaute Plätzchen. „Was machst du denn hier?“, grummelte er. „Tut mir echt leid, das mit dem Baum, Bruderherz. Sandra hat mich aufgeklärt.“ Entschuldigend hob Peter die Schultern. „Ich mach´s wieder gut, ehrlich.“ Christian sah Sandras bittenden Blick. Sein Zorn verflog. „Dann komm halt mit, wir müssen das Eichhörnchen umsiedeln.“ Eine Stunde später hing ein mit Stroh und Ästen ausgepolstertes Häuschen in der Birke. Eine Plexiglaswand zeigte den Füllstand des Futtertrogs. Erste Schneeflocken fielen vom Himmel.

Über Nacht hatte sich der Garten in eine Winterlandschaft verwandelt. Jubelnd sprangen die Kinder in ihre Skisachen und stürmten zur ersten Schneeballschlacht. Die Eltern trugen Christbaumschmuck zum Gartenhaus. Sandra stoppte. „Wo ist es denn? Ich sehe es gar nicht.“ Suchend schauten sie sich um. „Guckt mal, Mama, Papa!“, rief Paul. „Das Eichhörnchen ist schon allein umgezogen!“ Tatsächlich, das Tier sauste die Birke hoch und runter und umrundete sein neues Zuhause. Lächelnd begannen die vier, den Baum zu schmücken. Dieses Jahr würden sie einfach draußen feiern.

Nach dem Gottesdienst war die komplette Familie mit Oma, Opa und Onkel Peter unterm Heizpilz im Garten versammelt. Die Erwachsenen wärmten sich am Glühwein, die Kinder holten die Geschenke unter dem Christbaum hervor. „Oh, gestrickte Socken und Filzpantoffeln, danke, liebe Omi“, freute sich Jenny. Christian stand neben Peters Geschenk – einer jungen Blaufichte im Topf, die eingegraben würde, sobald der Boden aufgetaut war. Nachdenklich blickte er zur Birke. Vier Knopfaugen blitzten ihn an. Moment! Wieso vier? Er blinzelte. Tatsächlich. „Fröhliche Weihnachten, ihr zwei Eichkätzchen!“

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